Lidschläge des Poetischen – Der extreme Minimalismus des Maxim Chujkowskij

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Es ist tragisch, wieviele Künstlerschicksale schlimm endeten durch die stalinistische Kulturpolitik, viele Beispiele solcher Komponistenbiografien sind uns wohlbekannt, man denke nur an Alexander Mossolow, der nach seiner Rückkehr aus Sibirien nichts als verweichlichte Folklorebearbeitungen für Balalaikaorchester und dergleichen komponieren konnte, systemkonform zwar, doch künstlerisch vollkommen nichtig, unnötig und unnütz.

Ein ebensolches schlimmes Schicksal widerfuhr dem früh verstorbenen Maxim Chujkowskij (1935-1952). Bereits hineingeboren ins stalinistische Russland wurden schon Chujkowskijs erste Kompositionsversuche im Alter von drei Jahren (!) kritisch beäugt durch den sowjetischen Komponistenverband, der über das Erstlingswerk Chujkowskijs aus dem Jahr 1938 mit dem Titel „Lid“ [Anm. d. Verf.: orthografische Fehler wie hier sind keine Seltenheit im Frühwerk des Komponisten. Natürlich wäre korrekt „Lied“] schrieb:

„Dieses Stück besteht nur aus dem Ton c, der fünfmal wiederholt wird. Dies steht im krassen Widerspruch zur sozialistischen Gesinnung der gerechten Verteilung von Gütern und muss streng gerügt werden. Angesichts des jungen Alters des Delinquenten lassen wir aber Milde walten und werden hier ausnahmsweise einmal zwei Monate Zwangsarbeit als ausreichend sehen.“

Nach seiner Rückkehr aus dem Gulag in Murmansk war Chujkowskij nicht mehr derselbe Mensch. Er hatte gesundheitliche Probleme (unter anderem Arteriosklerose und Osteoporose) und war schwer morphiumsüchtig. Seine folgenden Werke musste er, ähnlich wie Schostakowitsch, zunächst in der Schublade verschwinden lassen. Er nahm den Posten eines Traktoristen in einer Kolchose im nordöstlichen Teil Russlands an, welchen er bis zu seinem Tod bekleidete.

Erst kürzlich, nachdem Chujkowskij bereits vollkommen vergessen worden war, tauchten drei seiner Werke unverhofft wieder auf, als man die letzten Möbelstücke der Schreibstube der Kolchose versteigerte. In der verschlossenen Schublade eines Sekretärs tauchten verschiedene Skizzen des Komponisten auf, eine musikwissenschaftliche Sensation, zumal die Existenz des Komponisten zuvor von der Fachwelt angezweifelt worden war.

Wieviel erstaunlicher aber waren die Kompositionen selbst! Werke von einer Knappheit, dass einem dagegen das Webernsche Oeuvre vorkommen muss wie Wagners Ring des Nibelungen! Hier ist die Kernaussage dermaßen komprimiert, dass es schwerfällt, den musikalischen Ereignissen überhaupt vollständig zu folgen, wie ein gewaltiger Nucleus mit der Potenz, Myriaden von Facetten von Sonoritäten zu kreieren, die gleichsam die Aura des Numinosen um sich führen. Hier ist ein großer Geist, ein großes Talent, ein so unsäglich verkanntes Genie am Werk gewesen, dass man sich nur wundern, nein, schämen kann, dass nicht trotz aller politischen Engstirnigkeit die gewaltige grenzüberschreitende Qualität dieser musikalisch exzeptionellen Vehemenz eruiert werden konnte, beredtes Beispiel des arroganten Homo Sapiens in seiner deprimierendsten Manifestation. Doch was nützt nun das Lamento, versuchen wir besser, den Künstler zumindest posthum seine Meriten erlangen zu lassen.

Vom vermutlich sehr umfangreichen Werk Chujkowskijs sind nur mehr jene drei Zufallsfunde erhalten geblieben, die wie oben erwähnt durch Zufall wiederentdeckt wurden. Es handelt sich bei allen dreien um Vokalkompositionen, die allerdings keinen Zyklus bilden oder musikalische Bezüge zueinander haben. Es sind tatsächlich jeweils völlig eigenständige Werke. Einmal die dramatische Kantate „Wes Blut ich trank, es ward gar bittersüß“ nach einem Text des polnischen Exildichters Wioczesliew Wojciechowskowalczyk, der die Gräuel der Teilung Polens im 18. Jahrhundert unter dem Aspekt der gleichgeschlechtlichen Liebe thematisiert, dann die Oper in drei Akten „Der güld’ne Gorbuscha“, Libretto von dem ungarischen Autor Boldizsàr Frissensülzàrnyasok, in der es um eine komplexe Dreiecksgeschichte zwischen einer armenischen Tänzerin, einem englischen Herzog und einer frühreifen Novizin vor dem Hintergrund der Holzkrise im Europa des 17. Jahrhunderts und nicht zuletzt das Oratorium „Arsenij“ über das Martyrium des hl. Arsenius, Text vom Komponisten selbst auf Motive des  deutschen Theologen Jobst Sewolt von Mack.

Es liegen mittlerweile Einspielungen durch mehrere hochkarätige Orchester vor. Bleibt zu hoffen, dass in Russland eines Tages weitere verschollen geglaubte Werke Chujkowskijs auftauchen, die den Kosmos dieses komplexen Oeuvres in Gänze dem heutigen Hörer eröffnen.

Hier Gesamtaufnahmen der Werke Chujkowskijs:

1) „Wes Blut ich trank, es ward gar bittersüß“

2) „Der güld’ne Gorbuscha”

3) „Arsenij“

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