Sensation: Verschollener Gedichtzyklus von Ivan Bezgolov aufgetaucht

Im Rahmen meiner Forschungsarbeit zum dänischen Komponisten Aksel Døvsen (1847(?)-1939(?)) stieß ich auf einen Liederzyklus, der im Skizzenstadium stehen geblieben war (möglicherweise weil der Komponist darüber verstarb). Der Liederzyklus war noch ohne Text notiert, weshalb sich die Frage stellte, welche Gedichte vertont werden sollten. Mir war durch meine langjährige Forschung zu diesem Komponisten natürlich bekannt, dass oft die direkte Chiffrierung von Texten als Kompositionswerkzeug benutzt wurde. In diesem Fall musste man nur die geschriebene Note in eine Frequenz übersetzen (Beispiel: d”” = 2349,32 Hz), diese dann mittels der Formel

 \sqrt{2\pi n} \left( \frac{n}{e} \right)^n \leq n! \leq \sqrt{2\pi n} \left( \frac{n}{e} \right)^n \cdot e^{\frac{1}{12n}}.

in einen Buchstabenwert umrechnen und voilà: der Text war gefunden. Ich habe nun daqs Vergnügen, diesen Text erstmals der Öffentlichkeit zu präsentieren:

I

Olga Rubitschkowa – Oy!

 

II

Oy! Oy weh,

Olga Rubitschkowa…

 

III

Oy oy oy…

Ach Olga, Olga Rubitschkowa!!

 

IV

Olga Rubitschkowa

kaufte einmal

einen Fisch [auf dem Markt, Wendung nicht direkt übersetzbar].

Der Fisch hieß

Herr Tsurban.

 

V

Oy!

 

Zunächst blieb allerdings die Frage offen, wer der Urheber des Textes sein könnte, aber diese Frage war dank der Mithilfe von Knut Mahwin und Yorick Weichkopp (beide profunde Kenner der russischen Literatur der Moderne) schnell geklärt: es handelt sich bei dem Autor eindeutig um Ivan Bezgolov, dessen gesamtes Werk während des Buterbrody-Aufstands im Jahr 1903 verbrannte. Man kennt sein Werk nur durch vage Erwähnungen zeitgenössischer Autoren, freilich ist dieses Material spärlich und wegen der kirchlichen Zensur unzugänglich geblieben. Noch ist nicht geklärt, wie sich Døvsen und Bezgolov kennengelernt haben, zumal keiner von beiden jemals sein Land verlassen, geschweige denn eine Korrespondenz jeglicher Art geführt hat. Hier hat die Forschung beider Bereiche, der Musikwissenschaft wie der Literaturwissenschaft noch einiges an Recherche zu leisten.

Durch meinen Fund ist nicht nur eines der bedeutendsten Werke der frühen russischen Moderne zutage gefördert worden, sondern gleichsam ein Meilenstein der russischen Literatur rekonstruiert worden. In Kürze werden wir hier auch den kompletten Liederzyklus in einer neuen Einspielung vorstellen, worauf ich mich schon jetzt sehr freue. Ich selbst habe den Zyklus anhand der Skizzen Døvsens fertig gestellt, die Partitur wird in Kürze in einer kritischen Faksimile-Ausgabe herausgegeben.

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